2.2.1 Was wir wissen – Probleme

(Verantwortung – Seele – Bewusstsein)

Zum Inhaltsverzeichnis – Neuroethik. Ein Überblick über zentrale Problemkreise.

Man kann durchaus sagen, dass die Experimente von Benjamin Libet (Libet, 1985) einen gewaltigen Stein ins Rollen gebracht haben. „In seinen ursprünglichen Experimenten untersuchte Libet die zeitliche Abfolge zwischen einer einfachen Handlung, dem dazugehörigen bewussten Willensakt und der Einleitung der Handlung auf der neuronalen Ebene; im allgemeinen werden aus seinen Experimenten aber auch Aussagen über die kausalen Zusammenhänge zwischen diesen Prozessen abgeleitet.“ (Pauen: Die Libet Experimente, 2005).

Die Experimente wurden seitdem wiederholt und verbessert, strittig bleibt, wie sie zu werten sind, da aus ihnen hervorgeht, dass schon vor der Entscheidung im Gehirn unbewusste Prozesse ablaufen, die unsere Entscheidung möglicherweise determinieren.

Dies hat weit reichende Folgen, sowohl für unser Verständnis von uns selbst als freien Personen, als auch für unsere Gesellschaft, in der Verantwortung und Schuld zentrale Werte sind. Im Falle von Erkenntnissen, die es ausschließen würden, dass wir freie Individuen sind, würde unser Rechtssystem hinlänglich werden, da es auf eben diesen Grundsätzen beruht. Auch Erziehung, so wie wir sie jetzt kennen, wäre unausführbar, da man ein Kind nicht für Taten verantwortlich machen könnte, die es gar nicht hätte unterlassen können.

Bislang scheiden sich jedoch die Geister und sowohl unter Hirnforschern, als auch unter Philosophen und Juristen werden die unterschiedlichsten Meinungen vertreten.

Die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse ermöglichen es aber auch, Krankheiten oder Störungen, die den Kranken ein verantwortliches Handeln unmöglich machen, leichter zu erkennen. Hieraus ergeben sich (polemisch formuliert) folgende Fragen: Hat der Staat das Recht seine Bürger zu Therapien zu zwingen? Oder wäre es inhuman, den Betroffenen nicht zu helfen?

Auch unsere Seele wird von den neurowissenschaftlichen Erkenntnissen berührt. Wenn alle Bewusstseinszustände biologisch erklärbare Phänomene sind, kann es keinen Leib-Seele-Dualismus geben und ein Leben nach dem Tod wird undenkbar. Dies trifft, aus ersichtlichen Gründen, in besonderem Maße die Religion.

Umso besser wir aus biologischer Sicht verstehen, was das Bewusstsein ist und wie es funktioniert, umso mehr Parallelen entdecken wir zwischen uns Menschen und Tieren. Denn anscheinend sind Tiere wesentlich leidensfähiger und intelligenter als wir bisher angenommen hatten. Wird sich unser Verhalten Tieren gegenüber verändern müssen?

Auch am menschlichen Bewusstsein wird geforscht. Dies kommt unter anderem Patienten zugute, die von einem „Locked-In“-Zustand betroffen sind. „Im Falle des „Locked-In“-Syndroms geht man sogar davon aus, dass die Patienten trotz vollständiger Paralyse bei vollem Bewusstsein, jedoch bewegungslos in ihrem Körper gefangen sind.“ (Schleim: Gedankenlesen, 2008. S.123). Diesen Menschen kann möglicherweise geholfen werden, sich auszudrücken.

Es ist aber auch wichtig, überhaupt erst einmal festzustellen, dass sie sich in einem derartigen Zustand und nicht in einem vegetativen Zustand befinden.

„In der Fachwelt ist dieses Konzept [Diagnose eines vegetativen Zustands], das 1972 in den klinischen Alltag eingeführt wurde, umstritten, da man davon ausgeht, dass die betroffenen Patienten sich nicht ihrer selbst oder ihrer Umwelt bewusst sind. Letztlich beruhen diese ärztlichen Urteile aber darauf, dass diese Menschen nicht mit ihrer Umwelt in Kontakt treten und auch kein bedeutungsvolles Verhalten zeigen. […] Aus dem Fehlen der äußeren Merkmale des Bewusstseins schließt man, dass auch in ihrem Inneren kein Erleben mehr stattfindet.“ (ebd.).

Wichtig ist, eine klare Unterscheidung zwischen dem vegetativen Zustand und dem „Locked-In“-Syndrom zu finden.

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