2.2.2 Was wir können – Probleme

(Gehirndarstellung mit Bildgebenden Verfahren – Enhancement)

Zum Inhaltsverzeichnis – Neuroethik. Ein Überblick über zentrale Problemkreise.

Der Einsatz von Bildgebenden Verfahren in der Hirnforschung (vor allem die funktionelle Magnetresonanztomographie fMRT, auch Kernspintomographie genannt) hat eine Vielzahl von Erkenntnissen erst möglich gemacht, ruft aber auch eine Reihe von ethischen Problemen hervor.

In der Forschung spielt natürlich zunächst einmal die Sicherheit der Probanden eine große Rolle. Aber auch Zufallsfunde bei wissenschaftlichen Studien sind ein Problem: „Bei gesunden Kontrollpersonen werden in bis zu 40 Prozent der Fälle Gehirnabnormalitäten entdeckt, von denen zwei bis acht Prozent eine direkte klinische Bedeutung haben.“ (Metzinger: Neuroethik, 2005. S.50).

Die Frage ist, wie die Wissenschaftler damit umgehen sollen: „Sie sind Gedächtnisforscher und kein Facharzt für Radiologie. Kann man Ihnen die Last der Verantwortung aufbürden, wirklich gefährliche Veränderungen im Gehirn zuverlässig zu erkennen, rechtzeitig Experten hinzuzuziehen und Ihre Versuchspersonen – die dies vielleicht gar nicht wollen – gegebenenfalls aufzuklären?“ (ebd.).

Auch Interessen Dritter können in diesem Falle betroffen sein, z.B. Kinder, falls es sich um genetische Störungen handelt oder wenn diese Abnormalitäten von Kopfverletzungen stammen, die nicht zufällig entstanden sein können. Krankenkassen sind von Zufallsfunden auch nicht begeistert, da sie kostspielige Folgeuntersuchungen bezahlen müssen. Und schließlich ist es ebenfalls unklar, ob der Proband überhaupt darüber informiert werden will. Er ist schließlich nicht zu einer ärztlichen Untersuchung, sondern zu einer wissenschaftlichen Studie gekommen. Oder erwartet er es gerade, darüber in Kenntnis gesetzt zu werden?

Die Bildgebenden Verfahren ermöglichen auch die Entwicklung einer neuen Generation von Lügendetektoren. Dabei geht man davon aus, dass die Wahrheit, sowohl bei einer wahren als auch bei einer gelogenen Antwort, gewusst wird. „Bei der Lüge müsse es allerdings einen weiteren Prozess geben, welcher das Nennen der Wahrheit verhindere und durch andere, falsche Informationen ersetze.“ (Schleim: Gedankenlesen, 2008. S.111).

Eine andere Methode ist das „Brain Fingerprinting“, hierbei zeigt man der Testperson einen Gegenstand (oder ein Foto von einem Menschen oder von einem Ort) und kann an bestimmten Reaktionen seines Gehirn ablesen, ob sie ihn gerade zum ersten Mal sieht oder nicht.

Natürlich sind beide Methoden problematisch und erst recht die Frage, wie sie eingesetzt werden sollen. Als Beweis vor Gericht, zur Erkennung von Terroristen, usw.? Diese Verfahren dringen sehr tief in unsere Intimsphäre ein. Unter welchen Bedingungen können oder wollen wir das zulassen?

Ähnlich weit oder sogar noch weiter dringt das so genannte „Brainotyping“ (äquivalent zum Genotyping) in unsere Gedanken ein. Mit dieser Methode kann (oder könnte man in Zukunft) gesundheitliche Schwächen, eine Prädisposition für Gewalttaten oder gar die sexuelle Orientierung einer Person ablesen. Auch viele Aspekte der Persönlichkeit und Intelligenz können auf diese Weise festgestellt werden.

Selbst die Wirtschaft macht sich bereits die Erkenntnisse der Neurowissenschaft im so genannten „Neuromarketing“ zunutze. In wissenschaftlichen Studien wird untersucht auf welche Reize das Gehirn von Probanden der Zielgruppe besonders positiv reagiert. Auch fertige Werbekampagnen werden den Probanden vorgeführt, bevor sie für die Öffentlichkeit freigegeben werden. Gerade in diesem Bereich sieht man deutlich, dass (potentielle) Kunden nicht als Personen angesehen werden, sondern als berechenbare Größe, die es zu überwältigen gilt. Ist dies ein Wegbereiter des neuen Menschenbilds von dem vielerorts gesprochen wird?

Eine weitere Entwicklung, die sich anschickt, unser Menschenbild drastisch zu verändern, ist das Enhancement. Schon heute besteht eine hohe Nachfrage nach so genannten „lifestyle-drugs“, die zu nichttherapeutischen Zwecken eingesetzt werden, und es ist anzunehmen, dass deren Konsum sich in absehbarer Zukunft noch weiter erhöhen wird. Daher möchte ich mich diesem Thema im nächsten Teil ausführlicher widmen.

>> 3. Enhancement >>

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