3.2.1 Aufmerksamkeit

Zum Inhaltsverzeichnis – Neuroethik. Ein Überblick über zentrale Problemkreise.

Um die Aufmerksamkeit zu steigern, gibt es viele, auch altbekannte Mittel, wie Koffein und Glukose (Traubenzucker). Ein weiterer Wirkstoff ist Methylphenidat, enthalten in Ritalin, einem Medikament, das Kindern und Erwachsenen verschrieben wird, die an einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden.

Der Einfluss auf die Durchblutung des Gehirns und damit eine Steigerung der Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit sind erwiesen. Nachgewiesen wurde aber auch, dass Ritalin den Lernprozess eher verhindert, somit ist es als Lernhilfe, als welches es von einigen Studenten illegal eingenommen wird oder wurde, nicht geeignet.

Ein anderer Wirkstoff, der schon lange Zeit eingesetzt wird, ist Amphetamin. Es wurde ursprünglich zur Behandlung von Narkolepsie entwickelt und startete im Zweiten Weltkrieg seine Karriere als neurokognitiver Enhancer. US-amerikanische, deutsche, britische und japanische Streitkräfte setzten die so genannten „go-pills“ auf Langstreckenflügen und Bombeneinsätzen ein. Bei der Rückkehr erhielten die Piloten dann entsprechend „no-go-pills“, um schlafen zu können. Die Nebenwirkungen von Amphetamin sind teilweise verheerend, so kam es in Einzelfällen zu Halluzinationen und Psychosen.

Ein neueres Mittel, Modafinil, das ursprünglich auch gegen Narkolepsie und weitere Schlafstörungen entwickelt wurde, zeigt deutlich weniger Nebenwirkungen und eine geringere Suchtgefahr. Seine genaue Wirkweise ist aber bisher nicht bekannt. Im Irakkrieg waren US-Soldaten, die Modafinil einnahmen, bis zu 48 Stunden im Einsatz und waren nach 8 Stunden Schlaf und einer erneuten Einnahme sofort wieder fit für einen Langzeiteinsatz.

Fragen wir uns, für wen das Steigern seiner Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit – abgesehen vom Militär – noch interessant oder nützlich sein könnte.

Zum Beispiel für Menschen, die in Berufen arbeiten, bei denen eine Unaufmerksamkeit über Leben und Tod entscheiden kann, wie Ärzte, Chirurgen, Piloten, Bahnfahrer, Arbeiter in Kernkraftwerken, Bohrinseln usw. Eine Steigerung der Aufmerksamkeit könnte möglicherweise die Risiken, die eine derartige Arbeit mit sich bringt, enorm senken und wäre somit zum Wohl vieler Menschen.

Aber muss dies auch im Sinne der betreffenden Arbeiter sein? Sollen diese selbst darüber entscheiden können, ob sie ihre Aufmerksamkeit mit Psychopharmaka steigern wollen? [5] Hat dann der Patient ein Recht darauf, zu erfahren, ob sein operierender Arzt entsprechende Mittel nimmt? Kann er es gar fordern? Oder sollten Gesetze erlassen werden, die Personen in entsprechenden Berufen verpflichten, derartige Mittel zu nehmen, um die Allgemeinheit der Menschen zu schützen? Würde es dadurch zu einer Verschärfung der Arbeitsmarktsituation kommen, da weniger Personal benötigt wird? Und wären die Arbeitsbedingungen dadurch für den Einzelnen überhaupt noch zu ertragen? Diese und andere Fragen müssen wir uns stellen, wenn wir neurokognitives Enhancement der Aufmerksamkeit für die Sicherheit von Menschenleben einsetzen wollen.

Aber auch bei anderen Menschengruppen könnte die Steigerung der Aufmerksamkeit (vor allem, wenn wir die Kontrolle über den Schlaf-/Wach-Rhythmus noch hinzuziehen) auf eine breite Nachfrage stoßen. Menschen beispielsweise, die einer großen Konkurrenz und / oder einem enormen Druck ausgesetzt sind, z.B. Spitzenkräfte oder allein erziehende Elternteile. Sie könnten mithilfe der go- und no-go-pills ihre Zeit effektiver nutzen. Unter Umständen wäre dies für jene Personen eine enorme Entlastung. Andererseits könnte es aber auch dazu führen, dass diese Menschen nur noch mehr unter Druck gesetzt werden und das Alltagsleben noch hektischer wird, als ohne Enhancement.

Mit einer Steigerung der Aufmerksamkeit könnte auch der Straßenverkehr sicherer gemacht werden. Wenn Autofahrer eine erhöhte Konzentration hätten, könnten Unfälle vermieden werden. Aber kann man von allen Verkehrsteilnehmern verlangen, dass sie Psychopharmaka nehmen? Sollte man dies verlangen? Würde eine, an einem Unfall beteiligte, Person, die ihre Aufmerksamkeit nicht gesteigert hat, automatisch als schuldig gelten und hätte keinen Anspruch auf Versicherungsleistungen?

Eine besonders heikle Diskussion ist, bei allen Enhancement-Formen, die Frage, ob Enhancement bei Kindern zulässig ist oder nicht. Kann es förderlich für die Kinder sein, wenn ihnen ein erhöhtes Aufmerksamkeitspotential als normal zur Verfügung gestellt wird? Oder ist es viel wichtiger, dass sie ohne Psychopharmaka lernen, sich zu konzentrieren, um einer Tablettensucht vorzubeugen und ein emanzipiertes Leben führen zu können? Ist der Einsatz von neurokognitivem Enhancement bei Kindern möglicherweise überhaupt nicht im Sinne derselben, sondern nur eine gute Möglichkeit für Eltern ihre Kinder ruhig zu stellen oder sie so zu manipulieren, wie die Eltern sie sich wünschen (also so wie sie selbst sind)?

All diese Problematiken sind beim Einsatz von neurokognitivem Enhancement der Aufmerksamkeit zu bedenken und es gibt sicherlich viele weitere, die mir bislang entgangen sind, aber nicht minder fragwürdig sind.

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Fußnoten

[5] – Natürlich nur, wenn gewährleistet ist, dass diese keine Nebenwirkungen hervorrufen oder Langzeitrisiken bergen. Nach Oben.

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