3.2.2 Lernen

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Was die kognitive Fähigkeit des Lernens betrifft, ist es bekanntermaßen so, dass es einige Menschen gibt, denen es überhaupt keine Mühe macht, etwas zu behalten und die etwas, das sie einmal gehört oder gelesen haben, jederzeit wiedergeben können.

Hingegen ist es für andere eine große Anstrengung und sie müssen den zu behaltenden Stoff viele Male durchgehen und wiederholen, ehe sie ihn sich merken können. Dementsprechend besteht schon heute eine Nachfrage nach Mitteln um die Lernfähigkeit zu verbessern bzw. um den Lernprozess zu beschleunigen und zu vereinfachen.

Die Anwendung so genannter „Smart Pills“ könnte folgendermaßen ablaufen: Die Einnahme erfolgt bevor man sich dem zu lernenden Stoff widmet. Es muss klar sein, ab wann die Wirkung der Pille eintritt, damit man keine sinnlosen Informationen fest in seinem Gedächtnis verankert. Ab dem Zeitpunkt, an dem die Pille wirkt, beginnt man sich mit dem zu lernenden Stoff zu beschäftigen. Die Pille sollte so arbeiten, dass die Signale der Informationen im Gehirn verstärkt werden, sodass ihre Priorität höher eingestuft wird und die Informationen sofort ins Gedächtnis aufgenommen werden.

Die größte Schwierigkeit besteht meiner Meinung nach darin, dass es unmöglich ist, die richtigen Informationen zu „enhancen“, d.h. sofort zu speichern und vor allem auszuschließen, dass unwichtige Inhalte nicht auch im Gedächtnis fest verankert werden. Die Pille wirkt (bzw. würde wirken) ja auf das Gehirn und nicht auf die Gedanken. Man kann also nicht entscheiden, welche Information davon betroffen sein soll und welche nicht. Es wäre sehr wahrscheinlich, dass ein Abschweifen der Gedanken im gleichen Maße behalten werden würde, wie der zu lernende Stoff.

Eventuell würde auch durch das künstliche Verstärken der Signale eine Abhängigkeit entstehen, derart, dass bei häufigerer Einnahme, nur noch Informationen gespeichert werden könnten, die ein enorm hohes Signal aussenden, das heißt, dass ohne die „Smart Pill“ überhaupt nichts mehr gemerkt werden kann, da das natürlich ausgesandte Signal zu niedrig wäre. Die Konsequenzen einer derartigen Abhängigkeit wären verheerend.

Natürlich muss man auch bei einer Steigerung der Lernleistung fragen, für wen diese Möglichkeit relevant wäre. Dazu ist zunächst einmal zu sagen, dass Tabletten in der Herstellung relativ billig sind und man daher vielen Menschen einen Zugang ermöglichen könnte. Bestehende Ungleichheiten in der Bildung könnten durch den Einsatz von neurokognitivem Enhancement also eventuell durch geförderte Ausgleichungsmaßnahmen beseitigt werden.

Eher wahrscheinlich ist aber der umgekehrte Fall, dass die Psychopharmaka nur einer verhältnismäßig kleinen Gruppe zugänglich wären, die dann wirklich zu einer herrschenden Klasse aufsteigen würden, denen gegenüber nicht gedopte Menschen keine Chance hätten.

Weiterhin muss auch bedacht werden, dass vermutlich nicht alle Menschen Psychopharmaka nehmen wollen. Wird in der Gesellschaft ein derartiger Druck entstehen, dass man Enhancement mitmachen muss, um einen (guten) Arbeitsplatz bekommen oder behalten zu können? Und wie könnte man dem entgegen wirken?

Auch bei diesem Punkt ist das Enhancement von Kindern besonders heikel. Zerstören wir nicht die Unbeschwertheit der Kindheit, indem wir sie dazu bringen ebenso leistungsorientiert zu denken, wie die Erwachsenen? Wird ihre (emotionale) Entwicklung damit nachhaltig gestört? Oder ermöglichen wir ihnen dadurch, dass sie in jungem Alter schon viele theoretische Erfahrungen sammeln können, ein selbstständiges, aufgeklärtes Leben?

Neurokognitives Enhancement muss auch in diesem Fall sehr sorgfältig abgewogen werden, um eine Verselbstständigung der Entwicklung zu verhindern.

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