Die Eule und der Geier

Neulich spazierte ich mit der Eule durch den Park. Es war schon recht spät und wir befanden uns eigentlich auf dem Nachhauseweg, hatten jedoch beschlossen einen kleinen Abstecher zu machen und einen Blick auf die blühenden Bäume zu werfen. Die Eule wollte sie unbedingt sehen, weil alle davon geschwärmt hatten, wie sie sagte. Nun war es zwar dunkel, aber die weißen Blüten sollten wohl auch abends ein Hingucker sein. Wir schlenderten daher gemütlich die Hauptallee des Parks entlang.

Wenn der Weg etwas stärker beleuchtet gewesen wäre, hätten wir das in einem irrsinnigen Tempo auf uns herabfallende Ding vielleicht rechtzeitig bemerkt. So aber flog es mit einem Affenzahn auf uns nieder, streifte die Eule am Ohr und fiel mir direkt auf den Fuß. „Au!„, schrien wir fast gleichzeitig und stießen vor Schreck auch noch gegeneinander.

Verstört und irritiert blickten wir uns um. Da stürzte ein weiteres, wesentlich größeres Objekt herab und schnappte sich das erste Ding. Ich rang um Fassung, auch die Eule war außer sich. Sie schrie: „Sag mal, hast du sie noch alle? Du hättest uns umbringen können! Was haben wir dir getan?“ Ich war – wie immer – beeindruckt von der schnellen Auffassungsgabe der Eule. Sie hatte im Gegensatz zu mir sofort erkannt, dass das zweite Ding ein Vogel war, ein ziemlich großer Vogel sogar.

Vor uns saß ein Geier und kratzte sich verschämt das Gefieder. „Tschulligung!“, nuschelte er. „Hab euch nicht gesehen. Was macht ihr auch zu dieser Zeit im Park?„, „Das sollten wir wohl eher dich fragen.„, herrschte die Eule ihn an. „Was treibst du hier im Dunkeln?„. Sichtlich empört über den unfreundlichen Tonfall der Eule blies der Geier seine Brust auf und schüttelte den Kopf. „Das geht euch überhaupt nichts an.“ und wandte sich schmollend ab.

Falls er wirklich geglaubt hatte, auf diese Weise davonzukommen, kannte er die Eule schlecht. Spätestens jetzt platzte sie vor Neugier. Doch der Geier blieb stur. Als die Eule mit der Polizei drohte, blickte er sich zwar ängstlich um, sagte jedoch keinen Mucks. Alles Zetern half nichts. Ich musste die tobende Eule schließlich fast gewaltsam nach Hause schleifen. Sie schimpfte den ganzen Weg nur über den Geier, was er sich einbilde und bedachte ihn mit allen nur denkbaren Flüchen.

Als wir zu Hause ankamen, hatte sie sich zum Glück ein wenig beruhigt. Ich machte der Eule einen heißen Kakao und schaltete ihre Lieblingsmusik ein. Langsam kehrte sie wieder in sich und konnte sogar ein bisschen über den Vorfall lachen. Wir machten Späße über unsere entsetzten Gesichter, rätselten, was das für ein Ding gewesen war, das vom Himmel fiel und was der Geier damit zu tun hatte.

Nichtsdestotrotz waren wir sehr froh, dass wir wieder zu Hause waren und ich brachte die Eule dann auch bald schon in ihr Dübelbett. „Was für ein Abend!„, seufzte sie. „Zum Glück trifft man so merkwürdige Leute nicht alle Tage.“ Ich nickte. Bevor sie sich endgültig eingekuschelt hatte und wegdrehte, murmelte sie noch „Und ich dachte schon, ich wäre kauzig…

Wir ahnten beide nicht, wie bald wir den Geier wiedersehen würden.

Holzeule im Holzdübelnest

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